Van de Velde - ein anderes Wort für Triplebogey

Jean van de Velde ist ein prominenter Name auf der Startliste des 22. Swiss Seniors Open in Bad Ragaz. Mit dem Namen des 52-jährigen Franzosen ist ein monumentales Missgeschick verbunden. Das unvergessliche Drama dauerte etwa eine Viertelstunde und spielte sich am Sonntagabend, 18. Juli 1999, ab.

Es ist fast noch schade, dass die Organisatoren die British Open schon für dieses Jahr nach Carnoustie vergeben haben – und nicht erst für 2019. Denn sonst hätten wir nächstes Jahr in Bad Ragaz zusammen mit dem Jungsenioren Jean van de Velde das exakte 20-Jahre-Jubiläum des einzigartigen Scheiterns am 18. Loch von Carnoustie begehen können.

Carnoustie wird von vielen als der schwierigste der aktuell zehn British-Open-Plätze – fünf liegen in Schottland, vier in England, einer in Nordirland – angesehen. Obwohl unweit des am häufigsten berücksichtigten Old Course von St. Andrews gelegen, kommt «The Open» durchschnittlich nur etwa alle zehn Jahre in Carnoustie vorbei.

Beim letzten Mal – 2007 – siegte der Ire Padraig Harrington, beim vorletzten Mal spielte sich das genannte Drama ab. Als Jean van de Velde zusammen mit dem deutlich zurückliegenden Australier Craig Parry im letzten Flight zum letzten Abschlag der Schlussrunde kam, war das älteste Turnier des Golfsports längst entschieden. Van de Velde führte mit drei Schlägen Vorsprung. Er würde als erst zweiter Franzose der Geschichte ein Majorturnier gewinnen. Als erster seit Arnaud Massy, dem Sieger der British Open 1907.

In den ersten drei Runden hatte van de Velde das 18. Loch sehr gut gespielt, mit Birdie oder Par. Hinterher sagte er, dies habe ihm die Sicherheit gegeben, um mit der gleichen Strategie zu spielen. Mit der Strategie des Angriffs, die auch ein Risiko enthält. Vielleicht wäre er sich schäbig vorgekommen, wenn er das Risiko herausgenommen hätte. Schon eine 6 an diesem Loch, ein Doppelbogey, hätte ihm zum Triumph gereicht. Und ein Profi, der jedes Risiko herausnimmt, spielt niemals mehr als ein Bogey. Er hätte das Loch auf drei statt auf zwei lange Schläge etappieren können. Ein Kinderspiel für jeden Profi. Auf diese Weise hätte van de Velde das Bogey eingeplant und immer noch einen Schlag Reserve gehabt.

Aber er holte den Driver aus der Tasche. Der englische TV-Kommentator sagte ohne Zögern: «Ich glaube, das ist keine gute Idee.» Van de Velde schlug mit voller Wucht zu und weit nach rechts. Zu seinem Glück ging der Ball so weit nach rechts, dass er im Flug den Wasserlauf zwischen dem 18. und dem 17. Loch überquerte und in recht günstiger Position unweit des 17. Abschlags zu liegen kam. Auch jetzt hätte van de Velde noch die Möglichkeit gehabt, auf Defensive umzustellen und den Ball mit einem kurzen Eisen Richtung Green auf das richtige Fairway zu spielen. Aber wieder musste er mit dem Kopf durch wie Wand gehen. Er entschied sich für ein Eisen 5, mit dem er das Green attackierte. Dieser zweite Schlag war noch miserabler als der erste. Der Ball flog nach rechts gegen die Zuschauertribüne und von dort ins dünne, aber hohe Gras hinunter.

Ab jetzt konnte der Spieler nicht mehr zwischen Risiko und Sicherheit abwägen. Es ging nur noch darum, einigermassen gut aus dem Schlamassel herauszukommen.

Der dritte Schlag – aus dem hohen Gras – war sehr schwierig und misslang. Der Ball landete im Wassergraben vor dem Green und lag ungefähr 20 Zentimeter tief im Wasser. Was jetzt kam, schrieb Geschichte. Van de Velde zog Schuhe und Socken aus und stieg mit einem Wedge in den Graben. Jeder geübte Golfer weiss es, und jeder Physiker bestätigt es: Es ist nicht möglich, den Ball mit einem Golfschlag aus dieser Tiefe auch nur ein paar Zentimeter über das Wasser zu bringen – geschweige denn, ihn zwanzig Meter weit Richtung Green zu schlagen. Aber unter dem entsetzten «Oh no!» des Kommentators erwog van de Velde tatsächlich den Versuch, die Naturgesetze auszuhebeln. Die biblischen Gebote fangen so an: Du sollst nicht... Die Naturgesetze beginnen so: Du kannst nicht... Immerhin: Noch bevor er das Unmögliche umzusetzen versuchte, kam van de Velde zur Vernunft. Er holte den Ball aus dem Wasser und droppte ihn unter Anrechnung eines Strafschlags hinter dem Graben. Mit Mühe und Not und über einen Bunker brachte er von dort weg eine 7 zustande. Es wurde das berühmteste Triplebogey der Geschichte.

Dass Jean van de Velde das anschliessende Stechen gegen den Amerikaner Justin Leonard und den Schotten Paul Lawrie nicht gewann, versteht sich. Auf diese Weise kam Lawrie zu seinem ersten und bislang einzigen Titel auf Grand-Slam-Stufe. Van de Velde musste wochenlang, monatelang in der Öffentlichkeit begründen, wieso er das 18. Loch auf dieser Weise gespielt hatte. Und er präsentierte sich danach nie mehr in der Stärke, die er in Carnoustie über 71 Löcher ausgespielt hatte.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Hobbygolfer auf allen Plätzen der Welt machten sich über den unglaublichen Auftritt des Franzosen lustig. Auf freundschaftlichen Runden sprachen nicht wenige von einem «Van de Velde», wenn sie Lochergebnis für die Karte meldeten. Van de Velde, Triplebogey.

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